Herr Jurk und das Grundgesetz
fly.floh am 13. August 2009 um 00:57Nachdem Thomas Jurk, der Spitzenkandidat der SPD in Sachsen, im Kandidatenchat der Freien Presse eine sehr fragwuerdige Aussage zum Grundgesetz gemacht hat, wurde er dazu nochmal von einem Mitglied der Piratenpartei befragt. Vor ein paar Tagen kam dazu die Antwort:
Sehr geehrter Herr …,
in den vergangenen Tagen haben Aktivisten der Piraten-Partei versucht, im Internet meine Verfassungstreue in Frage zu stellen.Die Frage, die gestellt wurde lautete:
“Wieso schränkt die SPD die einfachsten Grundrechte durch die Internet-Zensur des Zugangserschwerungsgesetzes ein? Für mich verstößt die SPD damit gegen das Grundgesetz.”
Ich sage klar: Die SPD verstößt damit nicht gegen das Grundgesetz. Das Gesetz ist verfassungskonform, denn Artikel 1 des Grundgesetzes schützt als oberstes Gebot die Menschenwürde. Diese Selbstverständlichkeit in einem Rechtsstaat habe ich möglicherweise nicht ausreichend ausgeführt.
Ich bleibe aber bei meiner festen Auffassung, dass der eingeschlagene Weg der richtige ist. Pädophilen sollte es unmöglich gemacht werden, kinderpornografische Bilder aus dem Internet anzusehen oder herunterzuladen.
Ich persönlich hoffe darauf, dass es mit diesem Gesetz gelingt, das Problem zu verringern. Wenn deshalb irgendwo auf der Welt nur ein Kind nicht zu pornografischen Bildern missbraucht wird, hat sich die Zugangserschwerung gelohnt.
Bei der nötigen Güterabwägung zwischen Freiheiten für Pädophilie und Kinderschänder im Internet, die durch Zugangsbeschränkungen begrenzt werden, und dem Schutz unserer Kinder steh ich auf der Seite der Kinder. Die Piraten sollten gut überlegen, wo sie stehen wollen.
Wenn es die Community denn hören will: Es war Sachsens SPD unter meiner Führung, die im vergangenen Herbst wesentliche Punkte bei der Online-Überwachung aus dem Gesetzentwurf von Herrn Schäuble streichen konnte.
Mit freundlichen Grüßen
Thomas Jurk
Keine Internetaktivisten haben versucht Herrn Jurks Verfassungstreue in Frage zu stellen. Wir haben lediglich folgende Aussage kritisch hinterfragt:
Wenn wir gegen das Grundgesetz verstossen, weil wir Pädophilen unmöglich machen kinderpornografische Bilder aus dem Internet herunterzuladen, dann nehme ich das in Kauf.
Die einzige Person, die Herrn Jurks Verfassungstreue in Frage stellt ist damit Herr Jurk selbst. Wer schreibt, dass er es in Kauf nimmt, gegen das Grundgesetz zu verstossen, hat in einer deutschen Regierung meiner Meinung nach nichts verloren.
Aber Herrn Jurks Antwort geht ja noch weiter. Ob das Internet-Zensur-Gesetz nun verfassungskonform ist oder nicht, muss wahrscheinlich in nicht allzu ferner Zukunft das Bundesverfassungsgericht entscheiden. Ein ganz klarer Verstoss gegen Artikel 5 des Grundgesestzes scheint aber vorzuliegen und das sehe wohl nicht nur ich so. Nebenbei steht in Artikel 5 ganz eindeutig:
Eine Zensur findet nicht statt.
Die Wuerde missbrauchter Kinder kann leider kein Zensurgesetz wieder herstellen. Der Missbrauch findet aber nicht im Internet statt, sondern im wirklichen Leben. Die Politik scheint dies dieser Tage gerne zu vergessen, doch genau da muesste angesetzt werden. Der Fakt, dass ganz Deutschland in Zukunft wegschaut, verhindert keine einzige Kindesmisshandlung. Wir muessen also etwas gegen den Missbrauch an sich tun, statt mit vorgeschobenen Argumenten erstmals seit 20 Jahren die Grundlagen fuer Zensur in Deutschland zu schaffen.
Herr Jurk stellt fest, dass er auf der Seite der Kinder steht und legt uns Piraten nahe, dass wir uns gut ueberlegen sollten auf welcher Seite wir stehen wollen. Zunaechst mal erinnert mich diese Formulierung ein wenig an die “wer nicht mit uns ist, ist gegen uns” Rhetorik von George Bush jr. im September 2001. Nunja, wir Piraten stehen klar auf der Seite der Kinder, wir wollen Kinderpornografie aus dem Internet loeschen und nicht nur nutzlose Stop-Schilder davor basteln. Wir stehen also nicht nur auf der Seite der Kinder, sondern wir stehen auch ganz klar auf der Seite des Grundgesetzes.
Abschliessend ist es voellig gleich, wer welche wesentlichen Punkte aus welchem Online Ueberwachungsgesetz gestrichen hat. Diese Gesetze sind Eingriffe in die Privatsphaere der deutschen Buerger und dazu meist noch voellig nutzlos. Wir Piraten wollen diese Gesetze nicht, auch nicht mit SPD-Schafspelz aussen rum!


