Tian’anmen
fly.floh am 6. Juni 2009 um 18:20Kurzes Update zum Tank Man. Boston.com hat eine Fotostrecke zu den Ereignissen am Tian’anmen Square vor 20 Jahren.
Kurzes Update zum Tank Man. Boston.com hat eine Fotostrecke zu den Ereignissen am Tian’anmen Square vor 20 Jahren.
Auf den Tag genau 20 Jahre ist es nun her, dass sich einer der bekanntesten Faelle zivilen Ungehorsams des letzten Jahrtausends ereignete. Der Tank Man hielt einen Tag nach dem Massaker am Tian’anmen Square durch blosse Anwesenheit eine Reihe chinesischer Panzer auf. Ein Foto davon hat die englische Wikipedia.
Dies ist der dritte Teil von Traumwelten. Den ersten und zweiten Teil kannst du noch nachlesen, wenn du sie noch nicht kennst.
Es war drückend und schwül an diesem Tag. Das Wetter spielte verrückt. Simon suchte Schutz unter einem verkümmerten Baum. Die Maske drückte unangenehm auf sein Gesicht. Wenn er sie doch bloß abnehmen könnte. Noch brannte die Sonne, aber am Horizont konnte Simon die dunklen Gewitterwolken schon erkennen. Simon hatte die Berge am Horizont erkundet, es mussten die Rockys sein, doch er wusste immernoch nicht wo er sich genau befand. Einen kurzen Moment glaubte er, der Bär, den er in den abgestorbenen Wäldern der Berge gesehen hatte wäre ihm gefolgt. Er musste sich irren, Bären kamen nie soweit raus in’s offene Land. Die steppenartige Ebene vor den Bergen konnte man nun wahrlich als offenes Land bezeichnen. Simon musste sich beeilen, die Wolkenfront kam schnell näher und Nadia hatte ihn vor Gewittern dieser Breiten gewarnt. Als er seinen Weg fortsetzte merkte er, dass Wind aufkam. Die Zeit wurde knapp, Simon begann zu rennen. Trotz Rennen würde er mit Sicherheit noch eine halbe Stunde brauchen. Simon war sich sicher, dass er nicht vor dem Gewitter fliehen konnte. Eine fremdartige, und doch bekannte Stimme drang in seine dunklen Gedanken: “Simon! Simon!” Nicht jetzt! Simon musste Nadias Haus erreichen. “Simon!”, die Stimme wurde lauter. Er konzentrierte sich, blieb kurz stehen, atmete tief durch. Simon verdrängte den Gedanken an die Stimme und rannte weiter.
Etwa einen Kilometer bevor Simon das Haus erreicht hatte erreichte ihn das Gewitter. Seine Kleidung war innerhalb von wenigen Sekunden komplett durchnässt, es wurde kalt. Das schlimmste allerdings war, dass der stark saure Regen unerträglich auf der Haut brannte. Simon hatte keine Wahl, er musste Schutz suchen. Er rannte zu der alten Hütte ein paar Meter neben seinem Weg. Eine vermoderte Holztür “sicherte” den Eingang. An jeder Seite der kleinen Hütte war ein verrammeltes Fenster. Simon öffnete die Tür. Entsetzlicher Gestank drang aus der Hütte. Ansonsten erwartete ihn nur Dunkelheit. Seine Augen brauchten einen Moment um sich an das veränderte Licht zu gewöhnen. Etwas bewegte sich. Instinktiv trat Simon einen Schritt zurück. Er konnte nun einen Schatten erkennen. “Mach die Tür zu!”, sagte eine mürrische Stimme. “Simon! Simon!”, er kannte diese Stimme. Er konnte ihr jetzt nicht folgen. Simon konzentrierte sich auf die kleine Gestalt vor ihm. Der Mann musste etwa 50 Jahre alt sein, sein Gesicht war vom Wetter und von einigen Narben gezeichnet. “Mach endlich die scheiß Tür zu!”, wiederholte er energisch. Zögernd trat Simon ein und schloss die Tür hinter sich. Wirklich sicher vor dem Sturm fühlte er sich nicht. “Was willst du?”, fragte der Mann kurz angebunden. “Der Sturm… Schutz”, stammelte Simon. “Besonders gut im Reden bist du aber nicht?!” Simon sammelte sich kurz: “Der Sturm hat mich überrascht, ich war auf dem Heimweg, hatte die Berge erkundet. Ich suche nur ein wenig Schutz.” Der Mann musterte Simon misstrauisch. Es schien als schätzte er seine Chancen in einem Kampf ab. Doch schon drang diese Stimme wieder in Simons Kopf, diesmal schien sie fast schon verzweifelt: “Simon…” Simon wurde müde, er hörte auf dagegen anzukämpfen. Simon erkannte die Stimme kurz bevor es dunkel um ihn herum wurde. Es war die seiner Schwester.
Simon öffnete seine Augen, weiße, beinahe sterile Wände umgaben ihn. “Simon, oh mein Gott, Simon!”, hörte er seine Schwester sagen. “Du bist ohnmächtig geworden, mitten währrend der Feier.” Seine Schwester hatte das Kleid noch an. Sonst war aber niemand in dem geräumigen Zimmer. “Hat mich jemand untersucht?” – “Natürlich”, sagte seine Schwester: “Aber ich glaube nicht, dass sie etwas finden konnten.” Simon wunderte das nicht, er hatte noch nie davon gehört, dass irgendjemand zwischen zwei Welten hin und her pendelte. Nach allem was er wusste konnte er die Welten natürlich einfach nur erträumen. “Warte! Ich hole einen Arzt. Vielleicht wissen sie inzwischen mehr.” Seine Schwester verschwand. “Ich hatte nicht vor irgendwohin zu gehen”, rief Simon ihr hinterher. Nadia betrat zaghaft den Raum. “Alles okay mit dir?” “Ich denke schon, ich fühle mich zumindest recht fit.”, Simon beschloss Nadia vorerst nichts von der Traumwelt zu erzählen, sie würde ihn wohl nur für verrückt halten. “Ich hatte mir schon Sorgen gemacht, es ging alles so schnell.” Nadia war sichtlich unsicher. “Nein, mir geht’s gut.”
“Diese Einschätzung sollten Sie vielleicht lieber mir überlassen!” Der Arzt der den Raum betreten hatte war groß und wirkte sehr selbstsicher. Fast ein bisschen arrogant. “Wie ist denn Ihre Einschätzung, Doktor?” Es war Nadia, die die Frage stellte. Der Arzt wandte sich an Simon, erklärte, dass er nichts finden konnte, meinte aber sie müssten weiter suchen. Man kippte schließlich nicht einfach so am Buffet um. Simon war zu müde zum diskutieren, er wollte eigentlich nur nach Hause. “Wie lange wollen Sie mich denn da behalten?” Der Arzt überlegte, er wusste, dass er jetzt keine zu lange Zeit nennen durfte: “Nur ein paar Tage, schnell ein paar Tests machen. Nichts ernstes, Sie werden sehen, Sie sind in null-komma-nichts hier raus.” Simon kannte diese Art der hinhalte-Taktik. Ein gut versicherter, billiger Patient. Ein wenig bett-ruhe, ein paar Pillen. Solche Patienten brachten den Krankenhäusern am Ende mehr Geld als sie kosteten. Simon musste dringend hier raus. Er mochte Krankenhäuser nicht. “Können sie die Tests nicht auch morgen machen? Ich könnte morgen früh wieder kommen. Mir geht’s gut, Sie sagten doch selbst Sie konnten nichts finden.” – “Ungern..” Simon unterbrach den Arzt sofort: “Aber es ist möglich?” – “Möglich, ja, aber…”, der Arzt geriet in’s Stammeln. Simon hatte gewonnen, er wusste es.
Etwa eine Stunde später saß er im Cabrio seiner Schwester, der angenehme kalifornische Sommerwind wehte durch seine Haare. Nur ein paar Gewitterwolken am Horizont trübten das perfekte Wetter. Gewitterwolken, die Simon unheimlich bekannt vorkamen.
Dies ist der zweite Teil von Traumwelten. Wenn du den ersten Teil noch nicht kennst, kannst du ihn hier nachlesen.
Simon beobachtete gedankenverloren seine Schwester. Wunderbares Wetter machte den Sommertag perfekt. Seine Schwester sah in ihrem weißen Kleid so hübsch aus, wie sie schon immer ausgesehen hatte. Ihr Freund, d.h. seit ca. 3 Minuten ihr Mann, konnte in seinem schwarzen Anzug aber problemlos mithalten. Es war eine wunderbare Hochzeit, von der es sicher eine Menge gelungener Fotos geben würde und von der man noch Jahre reden würde.
Simon wachte in einem dunklem Raum auf. Er tastete nach dem Nachttisch, ein seltsames Objekt musste darauf sein. Zwei poröse, recht lange Gummis hingen lose von einem Ende zum Anderen. Das Objekt selbst war etwas größer als eine Nase und aus Plastik gefertigt. Eine Maske. “Licht!”, sagte Simon. Er brauchte nicht lange um den kleinen Raum zu erkennen. Simon stieg aus dem Bett, er war mit einem weißen Shirt und einer weißen Stoffhose bekleidet. Simon öffnete die Tür. Er fand sich in einem etwas größerem, in dunkles, rotes Licht getauchten Raum wieder. Auch dieses Raum war sehr spärlich eingerichtet, ein kleiner Tisch in der Ecke und ein Regal unter dem kleinem Fenster waren die einzigen Einrichtungsgegenstände. Die anderen drei Seiten des Raumes wurden von Türen geteilt. Auf dem Fensterbrett standen noch ein paar ärmliche Pflanzen, ein Kaktus und eine Blume, deren Aussehen ihn an einen schlechten Science-Fiction-Film erinnerte.
Eine der Türen öffnete sich und die Frau, deren Namen er immernoch nicht kannte kam herein. Als sie ihn sah zuckte sie ein wenig zusammen, erkannte ihn aber im nächsten Moment und lächelte: “Gut, dass du wieder wach bist. Du siehst erholter aus, heute.” Es klang als hatte Simon lange geschlafen. Hatte er überhaupt geschlafen? “Ich belege ständig dein Bett und weiß noch nicht einmal wie du heisst?”, fragte Simon vorsichtig. “Nadia”, sagte sie: “und keine Angst, das ist das Gästebett. Ungefähr der einzige echte Luxus den es hier gibt. Nicht, dass ich es oft brauchen würde.” Simon fragte sie wo er war und woher das komische rote Licht kam. Offensichtlich befand er sich noch auf der Erde, auch wenn sie ihm seltsam fremd vorkam. Irgendwo in Südwest-Kalifornien musste er sein. Die Luft war, wie er bereits wusste, mit Blei vergiftet, das bei der Produktion von Waffen im letzten großen Krieg freigesetzt worden sein musste. Viel zu diesem Krieg wusste Nadia aber nicht, er musste vor etwa 20 Jahren zuende gegangen sein. Nadia konnte damals nicht älter als 10 gewesen sein. Vielleicht auch nur fünf. Geschichtsschreibung war allerdings in den letzten Jahren nicht gerade Priorität, der Kampf um’s nackte Überleben hatte sich zur Hauptaufgabe jedes einzelnen Tages entwickelt. Nadia war dabei noch unter den Glücklicheren, sie hatte ein festes Dach über dem Kopf, das bot Sicherheit, vorallem vor den sehr regelmäßigen Stürmen. Eine Menge Leute lebten in den Ruinen der Städte oder unter den Brücken. Viele verloren bei jedem Sturm all ihre wenigen Besitztümer. Nadia erzählte noch wie es durch CO2-Ausstoß immer wärmer wurde, doch schon wurde es wieder dunkel um Simon.
Es war eine große Feier, dachte Simon während er sich am Buffet bediente. Jemand schien seine Gedanken zu teilen, “Große Feier”, sagte eine Frauenstimme, die ihm seltsam bekannt vorkam. Simon schaute sie an, sie lächelte: “Hi, ich bin…” – “Nadia”, beendete Simon den Satz. “Ja”, sagte sie, sichtlich verwirrt: “Woher..? Kennen wir uns?” Simon musste zugeben, dass er keine Ahnung hatte. “Ich hatte nur gerade eine kleine Eingebung.” Nadia schaute verwirrt, die Erklärung schien sie nicht zufrieden zu stellen. Simon musste zugeben, dass es ihm an ihrer Stelle ähnlich erginge. Doch Simon konnte ihr schlecht sagen, dass er sie aus einer Traumwelt kannte. Er war ja nichteinmal sicher, dass die Welt wirklich eine Traumwelt war.
Es war angenehm warm um ihn herum. Zur Abwechslung schien mal die Sonne, die Sonne hatte lange nicht mehr so schön am Himmel gestanden. Simon streckte sich. Das Meer rauschte vor ihm. Er genoss die Ruhe, keine Menschen, nur ein paar Möwen schrien auf den nicht weit entfernten Klippen. Hin und wieder erreichte eine Welle seine Füße, das Wasser hatte etwa Badewannentemperatur.
“Hallo?”, sagte jemand. Simon schaute sich um, es war keine Menschenseele am Strand. “Hallo?”, sagte die gleiche Stimme. “Alles in Ordnung?” Der Strand verschwomm. Seltsam verzerrt nahm Simon ein Gesicht war. Eine ungeheuer ungemütliche Welt baute sich vor seinen Augen auf. Simon erkannte allerdings nicht wirklich viel, es war zu verschwommen. Dunkle Wolken mussten am Himmel sein, zumindest war die Sonne verschwunden. Jemand presste ihm eine Maske vor Mund und Nase.
“Wie heisst du?”, fragte das Gesicht. Es war ein hübsches Gesicht. Eine Frau, ein wenig jünger als er. Sie war vielleicht 25. Eine einzelne, blonde Strähne war unter der Kapuze der Frau zu erkennen. Erwartungsvoll schaute sie ihn mit ihren freundlichen, grünen Augen an. “Si.. Simon”, stammelte er. Die Frau musterte ihn eingehend. Simon sagte nichts weiter, zuviel Verwirrung war in seinem Kopf. “Du bist ja nicht besonders gesprächig. Naja das gibt sich schon wieder. Ist nach der Vergiftung ganz normal.”, erklärte die Frau.
‘Vergiftung?’, Simon konnte sich nicht erinnern was passiert war. Wo war er überhaupt? Die Frau schien seine Gedanken zu lesen. “Weißt du wo du bist? Sollen wir jemanden benachrichtigen?” Simon konnte sich an keine Freunde erinnern, ja nichtmal an Familie. Es war als gehörte er nicht auf diese Welt, selbst der rote Sand auf dem er lag kam ihm seltsam vor, als wäre er auf einem anderen Planeten.
“Was ist passiert?”, fragte Simon.
“Keine Ahnung, das Gleiche könnten wir dich fragen. Wir haben dich einfach nur hier draußen gefunden. Ohne Maske. Wir dachten zuerst du wärst tot, aber dann haben dich die Instrumente wahr genommen. Also haben wir nachgesehen. Zum Glück hatten wir noch eine Notmaske dabei, sonst wäre es wohl zu spät für dich gewesen.”
“Ich war am Strand”, erinnerte sich Simon abwesend. Dann wurde es dunkel.
Es war kühl geworden in den frühen Abendstunden. Simon saß in seinem Auto und fuhr den Interstate herunter. Im Radio lief seine persönliche Hymne, ‘18 ’till I die‘. Durch das offene Fenster konnten auch die wenigen anderen Autofahrer seine laute Musik genießen. Es war ein schöner Sommerabend, und direkt neben ihm sank die Sonne ins Meer. Er beschloss Pause zu machen und sich bei der nächsten Raststätte einen Burger zu gönnen.
Simon wachte in einem Bett auf. Der Raum hatte keine Fenster, er war von kompletter Dunkelheit umgeben. Er tastete um das Bett herum, kein Lichtschalter zu finden. Leichte Panik begann sich breit zu machen. In diesem Augenblick wurde die Tür geöffnet. “Licht!”, sagte eine bekannte Stimme. Die Frau aus der Wüste stand vor ihm. “Du bist wach.”, sagte sie. “Gut! Ich dachte schon du würdest nie mehr aufwachen.”
“Wo bin ich?”
“Mein bescheidenes Heim, es nicht nicht komfortabel, aber immerhin sicher… Und sauber.” Sie zeigte auf ihr Gesicht: “Keine Maske!”
“Maske?”
“Du scheinst ein wenig Gedächtnisverlust zu haben,” sagte die Frau zwinkernd. Anscheinend waren die Masken etwas ganz normales. “Die Luft draußen ist voller Blei, zu giftig zum Atmen.”
Simon konnte sich tatsächlich nicht erinnern je eine Maske gebraucht zu haben. Er schaute sich um, das Zimmer war spartanisch eingerichtet. Das Bett, auf dem er jetzt saß, füllte etwa die Hälfte des Raumes. Und es war kein besonders großes Bett. Nebendran stand noch ein kleiner Schrank auf dem eine dieser Masken lag. An der Decke hing eine nackte Glühbirne. Für mehr war allerdings schon kein Platz in dem kleinen Raum.