Im Netz ist ein Arguliner Piratenpartei, der JuLis aufgetaucht. Hinter dieser etwas hilflos und krampfhaft in’s Englische uebertragenen Bezeichnung versteckt sich ein Argumentationsleitfaden fuer Junge Liberale gegen die Piratenpartei. Ziel scheint es ganz offensichtlich gewesen zu sein, die FDP als Alternative Buergerrechtspartei darzustellen. Dafuer wird das Parteiprogramm und das Wahlprogramm der Piratenpartei auseinander genommen und auf Kritikpunkte gegen die FDP eingegangen.
Im ersten Abschnitt wird das Programm der PIRATEN mit dem der JuLis verglichen, dazu wird auf die Positionen zu Buergerrechten und Geistigem Eigentum eingegangen. Waehrend es bei Buergerrechten noch heisst unsere Positionen seien nahezu identisch mit denen der JuLis, wird zum Geistigen Eigentum ein Beschluss des Bundeskongresses von 2007 zitiert. Auf Patentrecht wird darin allerdings nicht weiter eingegangen, alle Positionen drehen sich mehr oder minder um Filesharing. Die in letzter Zeit oefter diskutierte Kulturflatrate lehnen die Julis klar ab.
Deutlich interessanter wird das “Papier” im zweiten Abschnitt, hier geht es um moegliche Kritik an den Liberalen.
a. „Die Liberalen sind immer nur für Steuersenkungen und sonst nichts!“
Antwort: Die FDP ist kompetent in der Finanz- und Wirtschaftspolitik.
Gleich zu Beginn ein Kracher. Tatsaechlich ist das das stille Eingestaendnis, dass die FDP wirtschaftlich nicht viel mehr als “weniger Steuern” und “weniger Staat” zu bieten hat. Als kompetent wuerde ich persoenlich das zwar nicht bezeichnen, aber das muss jeder selbst entscheiden. Die Antwort geht weiter mit:
Jedoch ist sie auch immer schon die Partei der Bürgerrechte gewesen. Das heißt nicht, dass sie ohne Makel ist.
Richtig, die FDP tut schon immer so, als ob sie Buergerrechtspartei ist. Immer wenn die FDP an Regierungen beteiligt war hat sich allerdings das reale Bild gezeigt. Letztes Beispiel, die FDP hat 1998, in ihrem letzten Jahr in der schwarz-gelben Koalition, dem Grossen Lauschangriff zugestimmt. Ich schaetze darauf bezieht sich der zweite Satz. Nun hat man sich angeblich neu aufgestellt und untermauert das mit der Aussage:
Bürgerrechte stehen an zweiter Stelle im FDP-Bundestagswahlprogramm.
Nunja, die Bundespiraten haben den Buergerrechten die ersten drei Kapitel gegoennt.
Guido Westerwelle hat daher auch bereits 2007 in Interviews klargestellt, dass die Liberalen im Falle einer Regierungsbeteiligung Bürgerrechtseinschränkungen der Großen Koalition zurück nehmen werden.
Klar hat er das. Haette ich an seiner Stelle auch, irgendwie muss Guido die Spasspartei auch in den Medien halten und Big Brother ist nunmal seit ein paar Jahren nicht mehr hip. Ich bin gespannt was die schwarze Pest dazu sagt, wenn Guido die Internetzensur und die Vorratsdatenspeicherung wieder abschaffen will. Ob er das gegen seinen erhofften Aussenministerposten tauschen wuerde?
Damit kommen wir auch gleich zum zweiten Kritikpunkt:
b. „Beim Thema Bürgerrechte sind die Liberalen überhaupt nicht glaubwürdig!“
Antwort: Das sind sie doch.
Zwei A4-Seiten gefuellt und schon sind wir auf Sandkastenniveau angekommen. Nein – Doch – Nein – Doch, erinnert mich irgendwie immer an Grundschulzeiten. Die Antwort wird weitergefuehrt mit dem Eingestaendnis von grossen Fehlern waehrend der Aera Kohl und dem Versprechen, dass von nun an alles besser wird und man sogar den Grossen Lauschangriff zurueck nehmen will. Am Ende bleibt es eine Frage der Glaubwuerdigkeit, ich denke, dass mit dem Wunschpartner CDU keine Ruecknahme von irgendwelchen Zensur und Ueberwachung moeglich sein wird.
Nach inhaltsleerem Geblubber wird es dann wieder interessant, wenn es um Koalitionsaussagen geht:
e. „Selbst wenn die FDP für Bürgerrechte stünde, in eurer Wunschkoalition mit der Union würdet ihr doch sowieso einknicken!“
Antwort: Die FDP hat bisher keine Koalitionsaussage beschlossen. Diese wird es erst eine Woche vor der Wahl geben.
Fuer mich macht es keinen Unterschied ob die FDP jetzt schon eine Koalitionsaussage zu Gunsten der Union macht oder erst in 6 Wochen, wenn sich abzeichnet, dass es fuer schwarz-gelb reicht wird die FDP ihre (nicht vorhandene) Seele verkaufen um mit der Union regieren zu koennen. Man will bei der FDP keine Ampel, schon allein, weil man dann Ministerposten an die immernoch verhassten Gruenen abgeben muesste. Uebrigens hat sich FDP-Chef Westerwelle im ZDF-Sommerinterview klar fuer eine schwarz-gelbe Koalition ausgesprochen.
Im folgenden wird unauffaellig ein Lacher eingestreut:
f. „Beim Thema Filesharing und Raubkopien verkennt die FDP die Realität!“
Antwort: Nur weil etwas häufig praktiziert und schwer zu verfolgen ist, ist es nicht gleich in Ordnung. Der Großteil der Autofahrer hält sich nicht ans Tempolimit. Trotzdem würde niemand fordern, dass es keins mehr geben soll!
Abgesehen davon, dass sich in Deutschland verhaeltnismaessig viele Autofahrer an Tempolimits und andere Regeln halten: Seit wann gibt es in Deutschland ein generelles Tempolimit? Soweit ich weiss gibt es nach wie vor auf der Autobahn nur eine Richtgeschwindigkeit.
Der dritte Abschnitt beschaeftigt sich dann mit Kritik an der Piratenpartei und verliert dann auch voellig den Bezug zur Realitaet:
a. Die Piratenpartei hat den Charme der Außerparlamentarischen Opposition (APO), aber auch ihr
Durchsetzungsvermögen!
Wenn etwas Neues auf den Markt kommt, ist es meistens interessant. Im politischen Raum besonders dann, wenn es gegen den „Mainstream“ oder das „Establishment“ gerichtet ist.
Da kommt als erstes die “Die sind nur cool, weil sie neu sind”-Keule. Ich behaupte es liegt daran, dass wir uns endlich mal glaubwuerdig fuer Buergerrechte einsetzen und, dass bei uns basisdemokratisch und transparent jeder mitmachen kann.
Die Piratenpartei bedienen sich dieser Mechanik, genau wie es die Grünen nach ihrer Gründung 1980 getan haben.
Wir bedienen uns an ueberhaupt nichts.
Wer nicht „drin“ ist, kann natürlich ordentlich Kritik austeilen, kann aber eben auch nichts durchsetzen. Selbst 134.014 Unterzeichner der Online-Petition gegen die Internetsperre haben die Große Koalition nicht gestört. Etwas ändern kann nur der, der erfahren und vor allem in der Regierung ist!
Deswegen treten wir ja zur saechsischen Landtagswahl und zur Bundestagswahl an. Wir wollen nicht nur kritisieren, sondern aktiv mitgestalten, und zwar transparent und im Sinne der Bewohner dieses Staates.
b. Die Piratenpartei ist gerade ‚in’!
Die Piratenpartei ist zwar eine Partei, aber sie ist vor allem auch eine Protestbewegung. Junge Leute, die mit dem Internet aufgewachsen sind, fühlen sich nicht ernst genommen und unverstanden. Es geht nicht unbedingt um Politik, es geht darum, den „Alten“ und „Internet-Ausdruckern“ eins auszuwischen.
Tja, warum ist das wohl so? Vielleicht, weil auch die FDP dieses Thema bisher verpennt hat? Nebenbei geht es nicht darum irgendwem irgendwas auszuwischen, es geht darum der juengeren Generation eine Stimme zu geben, es geht darum das Grundgesetz zu erhalten und nicht eine ganze Generation von Computerspielern zu kriminalisieren.
c. Warum Piratenpartei, wenn ich Bürgerrechte plus ein durchdachtes, freiheitliches Programm für alle anderen Politikfelder von der FDP bekommen kann?
Ja, das fragen wir uns auch.
Ganz einfach, erstens haben wir gerade festgestellt, dass die FDP beim Thema Buergerrechte alles andere als glaubwuerdig ist, zweitens, was will ich denn mit einem auf Heuschrecken-Wirtschaft optimierten Programm? Wuchernde Banken, die am Ende nichtmal was von der Krise mitbekommen, die sie gerade ausgeloest haben, muss ich nicht noch weiter unterstuetzen. Drittens wie ernst es die FDP mit den Buergerrechten meint, sieht man an den Aussagen von Guido Westerwelle:
“Ich habe nicht für die deutsche Einheit gekämpft, damit heute Kommunisten und Sozialisten was zu sagen haben!”
Da sieht man, dass es die “Liberalen” mit der freien Meinungsaeusserung auch eher fuer sich selbst, als fuer Andersdenkende haben wollen.
Jede Stimme für die Piratenpartei ist eine verschenkte Stimme.
Aehm, ja, und FDP waehlen heisst CDU waehlen. Die Piratenpartei ist die einzige Partei, die sich glaubhaft fuer Buergerrechte und eine transparente Demokratie einsetzt. Die Gruenen haben zwischen 1998 und 2005 den Abschuss von Passagiermaschinen, biometrische Merkmale in Reisepaessen und die Wiedereinfuehrung des Grossen Lauschangriffs mitbeschlossen, die Internet Ausdrucker und die Verraeter Partei sind sowieso indiskutabel und die FDP schreit auch schon wieder nach mehr Sicherheit und einer Koalition mit der Union.
f. Die Piratenpartei will das Urheberrecht faktisch abschaffen und Spezialwissen enteignen!
Vom Urheberrecht ist im Programm der Piratenpartei gar nicht die Rede, es geht nur um die Nutzungsrechte. Bands wie die Arctic Monkeys sind dadurch bekannt geworden, dass sie ihre Musik kostenlos in’s Internet gestellt haben. Natuerlich verschweigt man sowas gerne mal, wenn man den verzweifelten Kampf der Musikindustrie mitkaempfen muss. Durch Open Access werden neue Moeglichkeiten geschaffen fuer Wissen zu sorgen, denn Wissen teilen heisst Wissen mehren.
g. Die Piratenpartei verkauft eine Emnid-Umfrage zu ihren Gunsten, um den Anschein zu erwecken, sie wäre schon fast im Deutschen Bundestag! Die Piratenpartei behauptet, bei einer Umfrage 6% bekommen zu haben, obwohl sie 58% der
Menschen noch gar nicht kennen.
Soweit ich weiss behauptet niemand von der Piratenpartei, dass wir schon fast im Bundestag waeren. Schoen, dass die Julis selbst noch merken, um welche Umfrage es sich eigentlich dreht:
Richtig ist, dass es eine seriöse Umfrage von Emnid war, jedoch wurde nicht nach der Wahlentscheidung gefragt („Sonntagsfrage“), sondern ob man sich vorstellen könne, die Piratenpartei zu wählen.
Damit sind die Ziele bis zur Landtagswahl in Sachsen am 30.08. und zur Bundestagswahl am 27.09. klar: Wir muessen moeglichst viele Menschen auf die Piratenpartei aufmerksam machen, damit diese sich ihr eigenes Bild von der Piratenpartei machen koennen.
Update: Eine ausfuehrliche Antwort mehrerer Piraten gibt’s uebrigens im Wiki der Piratenpartei.