Dies ist der dritte Teil von Traumwelten. Den ersten und zweiten Teil kannst du noch nachlesen, wenn du sie noch nicht kennst.
Es war drückend und schwül an diesem Tag. Das Wetter spielte verrückt. Simon suchte Schutz unter einem verkümmerten Baum. Die Maske drückte unangenehm auf sein Gesicht. Wenn er sie doch bloß abnehmen könnte. Noch brannte die Sonne, aber am Horizont konnte Simon die dunklen Gewitterwolken schon erkennen. Simon hatte die Berge am Horizont erkundet, es mussten die Rockys sein, doch er wusste immernoch nicht wo er sich genau befand. Einen kurzen Moment glaubte er, der Bär, den er in den abgestorbenen Wäldern der Berge gesehen hatte wäre ihm gefolgt. Er musste sich irren, Bären kamen nie soweit raus in’s offene Land. Die steppenartige Ebene vor den Bergen konnte man nun wahrlich als offenes Land bezeichnen. Simon musste sich beeilen, die Wolkenfront kam schnell näher und Nadia hatte ihn vor Gewittern dieser Breiten gewarnt. Als er seinen Weg fortsetzte merkte er, dass Wind aufkam. Die Zeit wurde knapp, Simon begann zu rennen. Trotz Rennen würde er mit Sicherheit noch eine halbe Stunde brauchen. Simon war sich sicher, dass er nicht vor dem Gewitter fliehen konnte. Eine fremdartige, und doch bekannte Stimme drang in seine dunklen Gedanken: “Simon! Simon!” Nicht jetzt! Simon musste Nadias Haus erreichen. “Simon!”, die Stimme wurde lauter. Er konzentrierte sich, blieb kurz stehen, atmete tief durch. Simon verdrängte den Gedanken an die Stimme und rannte weiter.
Etwa einen Kilometer bevor Simon das Haus erreicht hatte erreichte ihn das Gewitter. Seine Kleidung war innerhalb von wenigen Sekunden komplett durchnässt, es wurde kalt. Das schlimmste allerdings war, dass der stark saure Regen unerträglich auf der Haut brannte. Simon hatte keine Wahl, er musste Schutz suchen. Er rannte zu der alten Hütte ein paar Meter neben seinem Weg. Eine vermoderte Holztür “sicherte” den Eingang. An jeder Seite der kleinen Hütte war ein verrammeltes Fenster. Simon öffnete die Tür. Entsetzlicher Gestank drang aus der Hütte. Ansonsten erwartete ihn nur Dunkelheit. Seine Augen brauchten einen Moment um sich an das veränderte Licht zu gewöhnen. Etwas bewegte sich. Instinktiv trat Simon einen Schritt zurück. Er konnte nun einen Schatten erkennen. “Mach die Tür zu!”, sagte eine mürrische Stimme. “Simon! Simon!”, er kannte diese Stimme. Er konnte ihr jetzt nicht folgen. Simon konzentrierte sich auf die kleine Gestalt vor ihm. Der Mann musste etwa 50 Jahre alt sein, sein Gesicht war vom Wetter und von einigen Narben gezeichnet. “Mach endlich die scheiß Tür zu!”, wiederholte er energisch. Zögernd trat Simon ein und schloss die Tür hinter sich. Wirklich sicher vor dem Sturm fühlte er sich nicht. “Was willst du?”, fragte der Mann kurz angebunden. “Der Sturm… Schutz”, stammelte Simon. “Besonders gut im Reden bist du aber nicht?!” Simon sammelte sich kurz: “Der Sturm hat mich überrascht, ich war auf dem Heimweg, hatte die Berge erkundet. Ich suche nur ein wenig Schutz.” Der Mann musterte Simon misstrauisch. Es schien als schätzte er seine Chancen in einem Kampf ab. Doch schon drang diese Stimme wieder in Simons Kopf, diesmal schien sie fast schon verzweifelt: “Simon…” Simon wurde müde, er hörte auf dagegen anzukämpfen. Simon erkannte die Stimme kurz bevor es dunkel um ihn herum wurde. Es war die seiner Schwester.
Simon öffnete seine Augen, weiße, beinahe sterile Wände umgaben ihn. “Simon, oh mein Gott, Simon!”, hörte er seine Schwester sagen. “Du bist ohnmächtig geworden, mitten währrend der Feier.” Seine Schwester hatte das Kleid noch an. Sonst war aber niemand in dem geräumigen Zimmer. “Hat mich jemand untersucht?” – “Natürlich”, sagte seine Schwester: “Aber ich glaube nicht, dass sie etwas finden konnten.” Simon wunderte das nicht, er hatte noch nie davon gehört, dass irgendjemand zwischen zwei Welten hin und her pendelte. Nach allem was er wusste konnte er die Welten natürlich einfach nur erträumen. “Warte! Ich hole einen Arzt. Vielleicht wissen sie inzwischen mehr.” Seine Schwester verschwand. “Ich hatte nicht vor irgendwohin zu gehen”, rief Simon ihr hinterher. Nadia betrat zaghaft den Raum. “Alles okay mit dir?” “Ich denke schon, ich fühle mich zumindest recht fit.”, Simon beschloss Nadia vorerst nichts von der Traumwelt zu erzählen, sie würde ihn wohl nur für verrückt halten. “Ich hatte mir schon Sorgen gemacht, es ging alles so schnell.” Nadia war sichtlich unsicher. “Nein, mir geht’s gut.”
“Diese Einschätzung sollten Sie vielleicht lieber mir überlassen!” Der Arzt der den Raum betreten hatte war groß und wirkte sehr selbstsicher. Fast ein bisschen arrogant. “Wie ist denn Ihre Einschätzung, Doktor?” Es war Nadia, die die Frage stellte. Der Arzt wandte sich an Simon, erklärte, dass er nichts finden konnte, meinte aber sie müssten weiter suchen. Man kippte schließlich nicht einfach so am Buffet um. Simon war zu müde zum diskutieren, er wollte eigentlich nur nach Hause. “Wie lange wollen Sie mich denn da behalten?” Der Arzt überlegte, er wusste, dass er jetzt keine zu lange Zeit nennen durfte: “Nur ein paar Tage, schnell ein paar Tests machen. Nichts ernstes, Sie werden sehen, Sie sind in null-komma-nichts hier raus.” Simon kannte diese Art der hinhalte-Taktik. Ein gut versicherter, billiger Patient. Ein wenig bett-ruhe, ein paar Pillen. Solche Patienten brachten den Krankenhäusern am Ende mehr Geld als sie kosteten. Simon musste dringend hier raus. Er mochte Krankenhäuser nicht. “Können sie die Tests nicht auch morgen machen? Ich könnte morgen früh wieder kommen. Mir geht’s gut, Sie sagten doch selbst Sie konnten nichts finden.” – “Ungern..” Simon unterbrach den Arzt sofort: “Aber es ist möglich?” – “Möglich, ja, aber…”, der Arzt geriet in’s Stammeln. Simon hatte gewonnen, er wusste es.
Etwa eine Stunde später saß er im Cabrio seiner Schwester, der angenehme kalifornische Sommerwind wehte durch seine Haare. Nur ein paar Gewitterwolken am Horizont trübten das perfekte Wetter. Gewitterwolken, die Simon unheimlich bekannt vorkamen.